Megavalanche 2017 – Allez, allez!

Juli 2017

Sonntag, Reisetag.

Das Auto ist gepackt, es ist (vermeintlich) alles dabei und Samstag abends um 2145h geht es los auf die Autobahn. Sonntag morgen gegen 0700h gibt es eine Schlafpause von 2,5h auf einem Rastplatz in der Nähe von Lyon. Ich freue mich über das Auto, denn neben dem Rad und den Taschen kann man sich im Kofferraum bequem lang machen und vernünftig pennen. Um 1300h dann Ankunft in Oz en Oisans, einem Nachbarort von Alpe d’Huez. Jenny und Nico, die bereits eine Woche vorher schon mit ihrem Urlaub begonnen haben und aus der Schweiz kommen, gesellen sich 45min später zu mir. Unser Ferienhaus ist ausgelegt für acht Personen, also haben wir zu dritt sehr viel Platz, uns auszubreiten.

Die drei lustigen Zwei

Montag, ab in den Schnee!

Wir stehen früh auf und fahren mit dem ersten Lift um 0900h von Oz nach Alpe d’Huez und zum Aufwachen geben wir uns erstmal eine blaue Anfängerstrecke im Bikepark. Unten angekommen geht es wieder in den Lift und nach kurzem Überlegen fahren wir gleich hoch auf den Pic Blanc mit seinen 3330m Höhe, um uns an der Megavalanche-Strecke zu probieren. In der Liftkabine treffen wir Sebastian und Ralf, die beide schon zum x-ten Mal auf der Mega sind.

Das Panorama ringt einfach Ehrfurcht ab.

Oben angekommen fängt uns zunächst das Panorama ein und beeindruckt stehen wir auf der Liftstation und lassen den Blick über den Gletscher und seine Schneefelder schweifen. Danach schieben wir uns langsam zum Startbereich der Mega und wissen alle nicht so recht, wie wir in dem sulzigen Schnee mit den tiefen Fahrspuren überhaupt kontrolliert da runter kommen sollen. Der nasse Schnee knirscht und schmiert unter den Reifen. Es wird anfängermäßig alles probiert, um sauber die Hänge herab zu kommen. Auf dem Hintern rutschen und das Rad auf den Bauch, stehend auf den Pedalen, ein Fuß abgesetzt, neben dem Rad laufen. Als vielversprechend ergibt sich, einen Fuß abzusetzen, nur hinten zu bremsen (aber nur für die Psyche, langsamer wird man ohnehin nicht) und irgendwie kontrolliert abzurutschen. Sebastian und Ralf sind routiniert und schon lange ausser Sicht, wir sollten sie dann erst am Dienstag wiedertreffen.

Nach den Schneefeldern geht es in das tiefe und lose grobe Geröll, sowie auf diverse Steinplatten und über Abbruchkanten. Fast schon eine Mondlandschaft, aber mit atemberaubendem Panorama. Eigentlich alles gut fahrbar, aber sehr, sehr ungewohnt. Mich überrascht vor allem insgesamt, wie steil es alles ist. Das hat schon eine deutlich andere Qualität, als man es aus den Bikeparks zum Beispiel im Sauerland gewöhnt ist.

Weiter unten fängt so langsam wieder der Bewuchs unterhalb der Baumgrenze an und der Geist fühlt sich wohler, nun wieder auf Erde und Gras zu fahren. Wir fahren in loser Formation und legen relativ viele, kleine Pausen ein, um den jeweils letzten wieder aufschließen zu lassen und die Hände zu entspannen. Nach der langen Traverse vom oberen Lift in Alpe d’Huez zum Gegenanstieg warten Nico und ich kurz, allerdings zeigt sich relativ schnell, dass Jenny entweder ein Problem hat, oder sich verfahren haben muss. Nicos Handy hat kein Netz, meins liegt in der Hütte. Nach 90min Warterei und einem Suchlauf von Nico entschließen wir uns, zur Hütte zu fahren. Ohne einen abgesprochenen Sammelpunkt und ohne Verbindung zu Jenny schien dies die beste Alternative. Rettungshubschrauber und Krankenwagen hatten wir nicht gesehen, daher gingen wir davon aus, es sei schon nichts passiert.

Genauso war es dann auch. Jenny hatte sich an der Liftstation verfahren und ist in den Bikepark abgebogen. Wir treffen sie an der Hütte und nach der Bikepflege geht es zügig in die Federn.

Dienstag, Bikepark und unterer Bereich der Mega-Strecke.

Abflug auf der Rock and Woods Strecke im Park

Morgens stehen wir relativ entspannt auf und machen uns langsam auf den Weg zum Bikepark. Wir haben uns vorgenommen, die Strecken im Bikepark zu erkunden und vielleicht schon die Anmeldung abzuschließen und unsere Startnummern zu empfangen. Die ersten blauen und grünen Strecken machen Spaß, uns ist nur nicht ganz klar, warum viele Kicker keine Landung haben. Entweder sind sie für deutlich langsamere Geschwindigkeiten ausgelegt, oder es sind Schikanen, damit man nicht unbegrenzt laufen lässt. Es sind jedoch viele schöne Anlieger, Graskurven und Tables dabei, die sich flott und sauber fahren lassen. Was vor allem auffällt, sind die langen Streckenverläufe, die problemlos mal über 580 Höhenmeter und sechs Kilometer gehen können, weil man die Abfahrten alle schön miteinander kombinieren kann.

Am Nachmittag warten wir am Palais du Sports auf die Ausgabe der Startnummern. Allerdings gibt es die Nummern Dienstag nur für das Enduro-Rennen, die Mega-Plates stehen erst Mittwoch zur Verfügung. Hier treffen wir aber Ralf und Sebastian wieder. Sebastian fährt ab hier mit uns noch den vorletzten Teil der Mega-Strecke und wir verabreden uns abends zum Pizza-Essen in Oz. Nico stürzt leider kurz vor Ende der Strecke und innerhalb von Sekunden bildet sich eine Beule unter der Haut am Schienbein, die es durchaus mit einem halben Golfball aufnehmen kann. Zügig kommt eine Mullbinde drum, getränkt mit viel Wasser zum kühlen. Bis Abends zeigt sich, dass die Schwellung komplett zurückgegangen ist und die Behandlung wohl erfolgreich war. Und erneut hat sich das Mehrgewicht meiner ganzen Sanitätsausstattung bezahlt gemacht. Schnelle erste Hilfe macht meistens umfangreiche, aufwändige Hilfe unnötig. Dem morgigen Tag steht also nichts im Weg!

Später am Abend, bei Pizza und Bier, stellt sich dann heraus, dass Sebastian bereits 1995 schonmal Kontakt zu Karlheinz Nicolai hatte. Als er anfing, Mountainbike zu fahren, konstruierte er mit einem Freund einen eigenen Rahmen mit viel Federweg und brauchte eine entsprechende Gabel. Er rief dann einfach mal bei Nicolai an und fragte, ob etwas passendes (250mm, und das 1995!) zur Verfügung stünde, da Nicolai damals mit eigenen Dämpferelementen experimentierte. Es ergaben sich ein reger Austausch und Fachsimpeleien über Rahmenbau. Aus der Gabel wurde am Ende nichts, die Tips von Kalle Nicolai brachten die Beiden jedoch auf jeden Fall nach vorne.

Mittwoch, Trainingslauf auf der Quali-Strecke.

Mittlerweile ein vertrautes Bild: felsige Trails

Nach dem etwas längeren gemeinsamen Abendessen mit vielen guten Geschichten haben wir beschlossen, den Mittwoch etwas ruhiger und später anzugehen. Dementsprechend schlafen wir aus, schrauben bis etwa 1200h an den Bikes, die die Pflege bitter nötig haben, und gehen dann gegen 1300h zum Lift. Die Belastung für Material und Mensch ist hier schon enorm. Die regelmäßigen und heftigen Schläge fordern den Komponenten alles ab und regelmäßige Wartung vermeidet hier sehr deutlich schleichende Schäden.

Am Lift angekommen schauen wir etwas konsterniert, als uns ein aufgebrachter Franzose (der Liftbediener) in einem Wortschwall seinen Missmut anträgt, dass die Biker niemals die Schilder lesen würden! Was er meinte: da heute auch das Enduro-Rennen stattfindet, ist unser Transfer-Lift bis 1415h geschlossen. Wir tragen es mit Fassung und westfälischer Gleichgültigkeit. Und wir finden: kein Beinbruch, und steigen trotzdem in die Bahn zur ersten Station. Dort angekommen erwartet uns erneut ein wunderschönes Alpenpanorama und der Fakt, dass wir etwa eine halbe Stunde warten müssen, ist gar nicht so tragisch.

Als wir dann schließlich oben auf der Quali-Strecke ankommen, bin ich doch recht froh, von meinen Klick-Pedalen auf Flats gewechselt zu haben. Es ist zwar ungewohnt, aber einen Fuß herausstellen zu können ist auf dem losen Schotter der engen Kurven auf 2.800m Höhe doch sehr beruhigend. Es zeigt sich auch, dass der vortägliche Besuch auf der roten „Rock and Woods“-Bikepark-Strecke genau die richtige Vorbereitung war. Das Gelände ist rau, aber extrem spaßig. Es geht über Felsplatten, Steinrinnen, schotterige und steile Anlieger hinab. Trotz meiner „nur“ 140mm Federweg vorne und 133mm hinten schluckt das Geometron brav alles weg, wenn man es aktiv fährt und eine saubere Linie wählt.

Die großen 29er Laufräder tun ihr übriges, den Bodenwellen den größten Schrecken zu nehmen und ich kann das Rad super laufenlassen, obwohl ich die Strecke nicht kenne. Den einen oder anderen Fahrfehler verzeiht mir das Fahrwerk dann auch anstandslos, holt mich aber zurück auf den Boden der Tatsachen. Der lange Radstand von 1270mm meines „M“-Rahmens verleitet allerdings zum ballern, da das Bike einfach unheimlich ruhig in den Highspeed-Passagen liegt. In engen Kurven muss man die Linie zwar deutlich anpassen, aber: „‚rum kommt man immer“!

Nachdem wir mit unserem Trainingslauf durch waren, haben wir noch schnell in die Expo-Area am Ziel geschaut und bei Continental und SR Suntour einen kleinen Plausch eingelegt. Für Nico doppeltes Glück, dass wir da waren, denn seine Auron hatte nach den ganzen Abfahrten nach guten vier Jahren nun angefangen, deutliches Spiel in den Castings zu entwickeln. Da half dann auch kein Service mehr, aber Johannes Schwabe konnte in seinem Truck noch eine frische 160mm-Auron auftreiben und so wurde kurzerhand die Gabel getauscht. Nico´s alte Gabel wanderte in die Tonne und mit der neuen Gabel ist er top zufrieden. Ein riesen Dankeschön an Johannes und Suntour für die schnelle und unkomplizierte Hilfe, die Nico definitiv den Start zur Mega überhaut möglich gemacht hat!

Unser starker Partner: Johannes Schwabe von SR Suntour
Und noch ein Sponsor: Sylvain Guyonneau von Continental

Insgesamt ist die Quali-Strecke dann auch so spaßig, dass wir uns für Donnerstag vornehmen, das Teil gleich nochmal zu fahren. Streckenlänge und Profil passen super zu einem aktiven Vormittag und wir gehen mit Vorfreude in die Federn.

Donnerstag, Quali-Strecke ist geil, also nochmal!

Um 1000h treffen wir uns mit Ralf und Sebastian, die, da sie seit 10 Jahren hier fahren, eine Menge Erfahrung für die Linien mitbringen und außerdem einfach nette Typen sind. Es geht hoch auf 2.800m und die ersten Hindernisse laufen super. Nach der ersten Steinplatte stürzt allerdings neben uns ein Franzose schwer und rammt sich beim Sturz den Lenker in den Bauch. Nach kurzer Bewertung der Situation wird schnell klar: hier muss professionelle Hilfe dazu. Er ist zwar ansprechbar und orientiert, hat aber deutliche Schmerzen und man kann aufgrund der raschen Schwellung der Bauchdecke eine Verletzung der inneren Organe nicht ausschließen. Nico, Sebastian und Ralf fahren fix zur nächsten Liftstation und wollen Hilfe holen, ich bleibe bei dem Franzosen und seinen Kumpels, die etwas überfordert scheinen. Wir lagern ihn angenehm und wickeln ihn in eine Rettungsdecke ein. Ich taste den Bauch regelmäßig ab, kann aber keine Verhärtung der Bauchdecke feststellen und denke: Glück im Unglück, da ist wohl nicht wichtiges kaputt gegangen, zumindest läuft kein Blut in den Bauchraum.

Nachdem nach etwa 15 Minuten immer noch nichts passiert ist, fahre ich auch runter zur Station. Sebastian ist bereits seit 10 Minuten sichtlich genervt am Telefon, denn aus irgendeinem Grund findet die Leitstelle den Unfallort nicht und die Station der Bergrettung ist noch nicht besetzt. Er übergibt das Telefon dann einem der Franzosen, die auch mit heruntergekommen waren und ich gebe ihm mein GPS Gerät, damit sie die Koordinaten genau angeben können. Etwa 5 Minuten später erfahren wir, dass der Hubschrauber unterwegs ist und noch etwa 10 Minuten braucht, bis er eintrifft.

Ich fahre wieder hoch zur Unfallstelle, um einen Landeplatz für den Hubschrauber zu erkunden, nach dem Verletzten zu schauen und allgemein die Gemüter ein wenig abzukühlen und zu beruhigen. Zügig erscheint dann auch der Hubschrauber, für den wir den Landeplatz mit einer weiteren Rettungsdecke markieren. Dem Notarzt nehme ich noch den Unfallrucksack ab und trage ihn zum Verletzten, verabschiede mich von den Jungs und wünsche alles Gute und dann setzen wir unsere Abfahrt weiter fort.

Alles in Allem bleibt die Quali-Strecke spaßig und wir kommen sauber und flüssig durch den Kurs. Unten angekommen treffen wir wieder auf einen der Franzosen. Seinem Kumpel scheint es den Umständen entsprechend gut zu gehen, dennoch wurde er direkt ins Krankenhaus nach Grenoble verlegt und wird da wohl eine Weile bleiben müssen.

Wir überlegen, den letzten Teil der Megavalanche-Strecke noch zu fahren, da uns gestern die Zeit dafür davonlief. Ralf und Sebastian sind auch nochmal dabei und es stellt sich heraus, dass es eine gute Entscheidung war. Die Strecke hat auch weiter unten noch einige Überraschungen, die man kennen sollte. Das lange Transferstück nach den ersten 15 Kilometern vorher verleitete schon dazu, sich mental nur noch auf das Ziel einzuschießen und hier merkt man klar: die Strecke will auf gesamter Länge aktiv und mit wachem Verstand gefahren werden. Die langen Singletrails mit schwierigen Lichtverhältnissen zehren nochmal an den Kräften, zumal sehr wurzelige Passagen dabei sind, die auch schon sehr ausgefahren sind. Enge Spitzkehren wechseln sich ab mit steilen Schusspassagen, wobei eigentlich alle Trail-Elemente mit Bremswellen und dicken, freigelegten Wurzeln gespickt sind.

Linien probieren…

Freitag, Qualifikationslauf.

Nico und Ich machen uns schon um 0900h auf den Weg zum Start, da wir recht lange Schlangen am Lift erwarten. An der Mittelstation angekommen, zeigt sich, dass es gut war, so früh aufzusteigen. Die Schlange am Lift nach oben ist bereits gute 200m lang und es ist erst seit 20 Minuten Liftbetrieb.

Oben am Start kommen wir um etwa 1020h an, unser Start ist um 1045h. So können wir in Ruhe nochmal durchatmen und uns den Start der Welle vor uns anschauen. Nachdem dann unsere Welle aufgerufen wird, schieben wir uns in den Startbereich. Aufgrund unserer Startnummern stehen wir in der vorletzten Reihe. Vor uns warten fünf Reihen, hinter uns steht nochmal eine. Alle Reihen haben etwa 20 Starter und in Summe rollen ca. 150 Biker zum Startsignal über die Linie.

Nico und ich kommen gut vom Start weg, können jedoch kaum Plätze nach vorne gut machen, da sich alles in den Schotterkurven drängt und schiebt. Ich fahre tendenziell eher außen und relativ passiv, denn sicheres Überholen ist hier nur bedingt möglich. Bis zur ersten Steinplatte fahren wir noch gemeinsam, bei der zweiten Steinplatte kann ich bis auf einen Platz wieder zu Nico aufschließen.

Leider schiebt sich kurz vor der ersten Steilkurvenpassage mit Felsabsatz ein Biker vor mich. Der Fahrer scheint auf Schusspassagen recht schnell zu sein, ist aber in den technischen Abschnitten, die ab jetzt die nächsten zwei Kilometer beherrschen, recht unsicher. Die Trails sind auch alle so schmal, dass ich nicht an ihm vorbeikomme. Nico verliere ich derweil erstmal aus dem Blick. Bis zum offeneren Stück schaffe ich es dann doch, an meinem Vordermann vorbei zu ziehen und mache insgesamt drei oder vier Plätze wett. Langsam säumen immer häufiger Fahrer die Strecke, die mit zu wenig Luftdruck gestartet sind oder einen Fahrfehler in den groben Steinen gemacht haben und Opfer eines Plattens oder zerstörter Felgen geworden sind.

Ich komme in meine erste Lieblingspassage: ein Trailstück, das mit groben Felsen gesäumt ist, aber durch gute Linienwahl unheimlich schnell wird, wenn man geschickt die Wellen in den Steinen zum pushen nutzt. Zu meiner Verwunderung steht kurz danach Nico am Streckenrand. Mit genervter Miene beugt er sich über seinen Lenker. Ich rufe ihm noch zu: „Alles in Ordnung?“ und meine zu vernehmen: „Alles okay“. Ich setze meinen Lauf also weiter fort. Kurz danach muss ich aufgrund eines Fahrfehlers einen Beinahe-Sturz auffangen. Mein Pedal ist bei einer Felsquerung an einem herausstehenden Stein hängen geblieben und beinahe hätte mich mein Hinterrad überholt. Ich schaffe es zwar, den Sturz zu vermeiden, verliere aber wieder meine eroberten Plätze, da das Feld um mich herum sehr eng ist.

Später zeigt sich, dass aus irgendeinem unerfindlichen Megavalanche-Grund bei Nico die Bremsleitung aus dem Hebel gerutscht ist. Interessanterweise sind Olive, Überwurfmutter, Messingdichtung und Aufnahme noch im Bremshebel und wir wissen beide nicht, wie das passieren konnte. Vielleicht war es ja auch der Berggeist…

Nach den Felspassagen kommen zunächst noch einige Steilkurven und Grasstücke, bei denen alle einfach die Bremsen offenlassen und daher an ein Überholen nicht zu denken ist. Die Geschwindigkeiten sind hoch und die Wege werden immer wieder eng. Als es dann wieder in einen technischen Teil der Strecke geht, habe ich erneut einen Fahrer vor mir, der mich in den felsigen Stücken mit viel losem Geröll immer wieder ausbremst und die Hindernisse zu langsam und daher sehr hakelig fährt. Das wird uns beiden beinahe zum Verhängnis, als es nach einem Absatz in einen Wallride geht, der wiederum mit einem Absatz und einer Querrippe in einen kleinen Anstieg mündet. Aus irgendeinem Grund zieht der Fahrer vor mir mitten im Wallride die Bremsen (vielleicht hat er sich vor dem Absatz am Ende erschreckt) und ich fahre ihm fast in das Hinterrad, da ich damit nicht ansatzweise gerechnet hätte. Auf dem folgenden Wiesenstück ist an ihm wiederum kein Vorbeikommen, da er keine konstante Linie fährt und ich ihn nicht überholen will, nur um dann zu stürzen, weil er vielleicht merkwürdige Dinge tut.

da lacht das lange 29er: geröllige Absätze.

Auf dem langen Schlussstück kann man dann nochmal die französischen Kicker genießen (die alle etwas kurz und ohne Landung ausfallen), bevor es durch einen Tunnel auf den letzten Anstieg auf Asphalt geht, der mich dann zum Ziel führt.

Im Ziel angekommen, schaue ich zunächst bei Johannes von SR Suntour herein, um Hallo zu sagen und das Bike abstellen zu können. Derweil erscheint dann auch Nico, der die letzten 4 Kilometer ohne Hinterradbremse gefahren ist. Ich beende die Qualifikation mit einer Zeit von 26 Minuten und 5 Sekunden, Nico kommt bei 29 Minuten und 25 Sekunden über die Linie. Wir stehen damit auf Platz 105 und 114 unserer Welle. Wir finden, das ist respektabel, dafür dass er keine Bremse hatte und ich ein 130mm Bike über eine Downhill-Strecke gescheucht habe. Und was definitiv ein Lob wert ist: die ProTection Reifen Kaiser Projekt 2.4 und Baron 2.5, die, bei mir tubeless und bei Nico mit Schlauch gefahren werden, trotz ruppigstem Gelände keinen Platten zuließen. Mein Hinterrad hat zwar zwei derbe Treffer in der Felge, wo auch kurzzeitig Dichtmilch austrat, aber der Reifen hat bombenfest gehalten. Chapeau Continental! Und auch die anderen Komponenten haben sich tapfer in der brutalen Belastung bewährt. Es wurde keine Kette verloren, die SRAM-Schaltwerke liefen tadellos, die SR Suntour Gabeln erledigten souverän ihren Job, alle Lager und Dichtungen hielten stand und auch die Schrauben blieben, wo sie hingehören.

Der Lebensretter: Conti Kaiser 2,4 Projekt 29er

Abends fahren wir nochmal von Oz en Oisans nach Alpe d’Huez, da man dort seine Startzeit für die Megavalanche erfährt. Leider schramme ich um 10 Plätze an der Challenger-Wertung vorbei, dies hat jedoch den Vorteil, dass wir alle am nächsten Tag im gleichen Block starten können. Nach einem kurzen Einkauf geht es wieder zurück und mit Spaghetti Bolognese geht auch der Freitag seinem Ende zu.

Da wir in der Affinity-Wertung starten, gibt es kein Tamtam mit Musik und Hubschrauber, sondern ein freies Startfenster von 45 Minuten. Nach dem Rettungshubschraubereinsatz kommen wir aber auch ganz gut ohne Hubschrauber aus.

Samstag – Affinity One

Nico´s Hand hat sich leider nicht beruhigt, die Schmerzen im Handgelenk nötigen ihm die Entscheidung ab, doch nicht am Rennen teilzunehmen. Wir ziehen dennoch zusammen mit Ralf und Sebastian alle gemeinsam hoch zum Lift und an der mittleren Station trennen sich unsere Wege. Nico geht zum Anfeuern an den langen Gegenanstieg, wir verlegen hoch auf zunächst 2.800m zur nächsten Station. Dort erwartet uns allerdings eine gut und gerne 250m lange Schlange, wodurch wir fast 90 Minuten auf den Lift zum Pic Blanc warten müssen. Dort angekommen werden nur noch kurz die Klamotten gerichtet und dann geht es auch verzugslos in die Strecke.

Obwohl es durchgehend extrem heiß war und der Schnee stark zurückgeschmolzen ist, lässt sich der sulzige Matsch erstaunlich gut fahren. Insgesamt ist die schneebedeckte Strecke jedoch fast 800m kürzer als noch am Montag. Da wir alle in der einen oder anderen Weise angeschlagen sind, lassen wir es langsam angehen und begreifen das Rennen eher als lange Abschlusstour, denn als Wettbewerb. Nicht verletzten und nichts kaputt machen geht heute ganz klar vor. In der Affinity-Klasse sind die Fähigkeiten der Fahrer ohnehin recht weit gespreizt, sodass man immer wieder mal Gruppen vor sich hat, die eben nicht Vollgas ballern wollen, sondern manchmal eben einfach den Trail blockieren und manche Hindernisse durch ihre geringe Geschwindigkeit nicht fahrbar machen. Dem Spaß an der Strecke tut das aber keinen Abbruch. Ich muss jedoch gestehen, dass mir das Fahren auf grobem Geröll und losem Schotter doch mehr Mut und Können abverlangt, als ich mitgebracht habe und vielleicht nötig wäre, um aggressiver und vielleicht auch sicherer zu fahren (aber das nächste Mal kommt bestimmt).

Die engen Steilkurven bereiten mir aber heute deutlich weniger Probleme und wenn Platz ist, wird auch ordentlich durch die Felsbrocken gehackt. Meine Felge vorne muss diesmal einen Treffer einstecken, als ich einen kindskopf-großen Stein nach einem Drop übersehe, aber die Conti Kaiser lassen mich nicht im Stich und ohne Platten geht es in die schnellen Grasstücke vor dem Gegenanstieg.

Nach dem Gegenanstieg geht es wieder in den Trail Richtung Oz en Oisans und die Bedingungen sind perfekt. Trockener, harter Boden, leichte Bewölkung ohne scharfe Schatten auf dem Boden und keine Gruppe mehr vor uns. Wir lassen die Bremsen offen und blasen Richtung Downhill-Abschnitt.

Der Streckenverlauf wurde zum Vortag nochmals geändert und aus vielen Serpentinen mit breiten Trails sind nun schnelle Schusspassagen mit Anliegern aus losem Waldboden und puderigem Sand geworden. Die Staubwolken fliegen aus den Anliegern ud die Bikes werden tief in den Boden gedrückt, bis sie wieder halt an Wurzeln oder Baumstämmen finden. Die Strecke ist zwar schon relativ zerfahren und von tiefen Löchern und derben Wurzelpassagen geprägt, aber es macht einfach unendlich Laune mit sirrendem Freilauf und rutschendem Hinterrad durch die Strecke zu fegen.

Nach einem weiteren Transferstück geht es zurück auf den schmalen Singeltrail durch den letzten Waldabschnitt und die Geschwindigkeiten nähern sich wieder denen motorisierter Fahrzeuge. Der Trail hat einen super Verlauf und Bremsen ist so gut wie nicht notwendig, da man vor jedem Hindernis in den Schikanen genug Geschwindigkeit abbaut. Die Hände können sich so ein wenig erholen und die Hauptlast geht in die Arme und Beine, um möglichst aktiv durch den Pfad zu kommen.

Endlich mal rollen lassen und die Hände ausruhen

Am nächsten Anstieg gibt leider mein Schaltwerk kurz auf und zieht die Kette hinter das Ritzel in die Speichen, allerdings lag hier eher (mal wieder) ein Bedienerfehler meinerseits vor oder das Schaltwerk hat vielleicht beim Gedränge im Lift einen Treffer bekommen. Nach der unfreiwilligen Pause geht es dann auf das letzte Stück der Strecke und schon nach kurzer Zeit kommt die lang ersehnte Holzbrücke in Allemont in Sicht, die wenig später zum Zieleinlauf führt.

Nach dem obligatorischen Heldenfoto am Ende tauchen wir unsere Füße erstmal in den Fluß und kommen wieder herunter. Die Endorphine besorgen den Rest und zufrieden liegen wir im Gras und warten auf den Bus zurück zur Unterkunft.

Zurück in Oz en Oisans wird zunächst mal das völlig verdreckte und geschundene Bike gewaschen. Nachdem der ganze Dreck ab ist, folgt eine Inspektion. Es zeigt sich: es ist bei der einen Delle im Vorderrad geblieben, als der böse Stein nach meinem Rad geschnappt hat. Die Lager sitzen spielfrei, die Gabel und der Dämpfer arbeiten noch immer gut, die Schaltung funktioniert (leidlich, vielleicht ist doch das Schaltwerk krumm), Steuersatz und Tretlager, sowie Kurbeln und Lenker sitzen so fest wie zuvor. Nichteinmal die Pedale haben Probleme (abgesehen von dem einen oder anderen bisschen Farbe, was für immer in den französischen Alpen bleiben wird) und dem Körper geht es ebenfalls erstaunlich gut.

Nachdem der Tag bei erhöhter Kalorienzufuhr langsam ausklingt, werden auch schon die ersten Sachen gepackt, denn schließlich geht es am Sonntag dann wieder in die Heimat, um am kommenden Wochenende in Ilmenau die GDC-Strecke unter die Stollen zu bekommen.

Glücklich und zufrieden geht damit eine hochspannende und sehr lehrreiche Woche zu Ende, die sowohl verletzungs- als auch unfall- und (beinahe) schadenfrei ausging und atemberaubende Eindrücke dieses ganz speziellen Rennens geliefert hat!

Gruß

Norman

http://www.nicolai-bicycles.com/de/
http://www.srsuntour-cycling.com/de/bike/
https://www.continental-reifen.de/fahrrad
http://www.ergon-bike.com/de/
http://www.veltec.de/home/
http://www.hnf-heisenberg.com/
https://reset-racing.de/
https://www.bike-components.de/de/LEVELNINE/
Ein Kommentar:
  1. Ein spannender, informativer, farbiger Bericht, auch für Nicht-Biker. Sehr gut geschrieben, klasse Fotos. DANKE

         
& von Stephan.